Offener Brief Initiative & Vereine der Flüchtlingshilfen im Landkreis Meißen

Initiative & Vereine
der Flüchtlingshilfen
im Landkreis Meißen

An die
Mitglieder des Deutschen Bundestages
Mitglieder des Sächsischen Landtages
Landrat des Landkreises Meißen / Mitglieder des Kreistages
Oberbürger- und Bürgermeister im Landkreis Meißen

Meißen im April 2017

Offener Brief der Vereine & Initiativen der Flüchtlingshilfe im Landkreis Meißen

Sehr geehrte Damen und Herren politischer Verantwortungsträger im Landkreis Meißen,

wir als die Vereine & Initiativen, die sich mit dem Thema Flüchtlingshilfe im Landkreis seit mindestens 2015 beschäftigen, wenden uns heute mit einem offenen Brief an Sie als die im Bund, Land, Kreis oder in der Kommune verantwortlichen Personen. Wir, die wir mit unserer Arbeit sehr nahe an den Flüchtlingen dran sind, sehen immer mehr Probleme auf uns zukommen, die durch die Politik nicht gesehen werden oder vielleicht auch nicht gesehen werden wollen! Wir machen diese Arbeit ganz oder zu einem großen Teil ehrenamtlich in unserer Freizeit und denken, dass wir mit dem, was wir tun, der Politik auf kommunaler, aber auch auf Bundes- und Landesebene viel an Arbeit abnehmen, die eigentlich durch staatliche Stellen zu organisieren und zu gewährleisten ist. Egal, ob es sich hier um Sprachkurse handelt oder die ganz alltägliche Integration der hier ankommenden Menschen – Vieles ist durch die Politik einfach verschlafen wurden und Vieles wird auch heute noch völlig ignoriert. Wir möchten Sie als die Verantwortungsträger in unserem Landkreis auf die aus unserer Sicht bestehenden Defizite hinweisen und Sie auffordern, diese endlich anzugehen. Gern stehen wir als diejenigen, die unmittelbar an den betroffenen Zielgruppen dran sind, auch zukünftig mit Rat und Tat sowie unserer Manpower zur Verfügung bei der elementaren Integration der zu uns gekommenen Menschen. Es gibt eine ganze Reihe von Problemen, die uns immer deutlicher machen, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht.

Schule

Bei allen positiven Elementen der DAZS-Klassen kann man nicht erwarten, dass ein 12-Jähriger, der grade eine Sprache ganz neu erlernt, auch schon das (sprachliche und inhaltliche) Verständnis für Fächer wie Chemie, Mathematik, Physik und Biologie hat. Es ist hinlänglich bekannt, dass die Schulsysteme in den Herkunfts-ländern mitnichten mit dem Bildungsstandard an deutschen Schulen vergleichbar sind. Hier müssen neue Konzepte erarbeitet und auch umgesetzt werden, um den jungen Menschen anderer Ländern eine faire Chance zu geben, die notwendige allgemeine Mittlere Reife erfolgreich zu absolvieren, um später auf dem Arbeitsmarkt integriert zu werden. Andernfalls sind soziale Probleme vorprogrammiert.

Berufsschule

Beim Einstieg in den Ausbildungsmarkt wird sowohl Wert auf das schnelle Erlernen der deutschen Sprache gelegt, gleichzeitig jedoch ein schulisches Mindestmaß an Wissen u.a. in den Naturwissenschaften vorausgesetzt. Dies ist jedoch in den meisten Fällen weder gegeben,noch gleichzeitig aufzuholen möglich. Hier müssen gezielte Förderangebote geschaffen werden, was das ehrenamtlich sowie finanziell mögliche Engagement bei weitem übersteigt. Es ist daher dringend notwendig, dass die betreffenden Akteure (z.B. IHK, Agentur für Arbeit, Berufsschulzentren …) hier Angebote konzipieren, da sonst ein Scheitern auf dem Arbeitsmarkt wiederum unausweichlich ist.

Arbeitssuche/ Praktika

Es gibt zwar Qualifizierungsangebote seitens des Staates, wie die so genannten PERFMaßnahmen. Allerdings ist das viel zu wenig. Es gibt kein übergeordnetes Portal für eine Vermittlung von Praktika als Einstieg in eine Arbeit/ Ausbildung. Die Bundesagentur für Arbeit ist lediglich für die Vermittlung versicherungspflichtiger Jobs zuständig. Hinzu kommt, dass eigene Bemühungen von Paten zum Teil durch behördliche Formalien eher
gelähmt als gefördert werden. Die Kommunikation zwischen den zuständigen Behörden ist (Jobcenter, Ausländeramt, Agentur für Arbeit) ist einerseits zu langatmig und andererseits zum Teil gar nicht vorhanden. Diese Lücke füllen derzeit ausschließlich die Paten durch zeit- und nervenaufreibende Eigeninitiativen. Das hemmt nicht nur die Verfahren, sondern bremst auch die Eigeninitiative der Geflüchteten selbst. Wir brauchen eine berufliche Plattform für Hospitanzen, Angebote für Praktika etc., die übergeordnet Möglichkeiten anbietet. Wir sind bereit, Brücken zu bauen und mitzuhelfen. Die arbeitsmarktpolitische Entwicklung im Landkreis Meißen zeigt seit Jahren in eine Richtung: weniger Ausbildungsberechtigte stehen einem Überangebot an notwendigen Stellenbesetzungen gegenüber. Hier werden nicht nur die Geflüchteten, sondern auch die ortsansässigen Unternehmen verlieren.

Sprachkurse

Professionelle Integrations-Sprachkurse gibt es nur für bereits anerkannte Asylbewerber. Die „Deutsch Sofort“-Kurse auch für andere Asylbewerber waren eine sinnvolle erste Maßnahme, die Fortsetzung durch die „Deutsch Qualifiziert“-Kurse wurde jetzt jedoch teilweise wieder eingestellt. Dieses Vakuum sollte dringend geschlossen werden, z. B. durch die bezahlte Qualifizierung von mehr Sprachlehrern, die auch für die Integrationskurse benötigt werden. Speziell in der Alphabetisierung ausgebildete Lehrer sollten deutlich mehr Alphabetisierungskurse ermöglichen, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Die aktuelle Eingruppierungspraxis anhand bereits vorhandenen oder fehlenden Sprachverständnisses (und Schriftkenntnis) ist oft mangelhaft. Menschen, die von ehrenamtlichen Mitarbeitern als Analphabeten erkannt wurden, sollten nicht in öffentliche Kurse auf A1- oder B2-Niveau eingruppiert werden. Hier sind Scheitern, Abbruch und Frustration selbstgemacht! Es muss ein klares Konzept greifen und ist ein kontinuierlicher Aufbau der einzelnen Module dringend erforderlich. Wir werden hier auch weiter versuchen, uns einzubringen und zu helfen. Die Betreuung von Kleinkindern während dieser Kurse sowie ein angemessener zeitlicher Umfang pro Tag (familienfreundlich!) werden derzeit ausschließlich über das Ehrenamt angeboten. Hierfür gibt es keinerlei Ansätze von öffentlicher Seite. Auch hier kann es nicht im Sinne der Integrationsarbeit sein, nur einen Teil der Eltern (meist den männlichen) sprachlich zu qualifizieren. Es sollte auch eine faire Chance (und mit der Möglichkeit steigt die Verpflichtung) für Mütter geben, an den Sprachkursen teilnehmen zu können.

Wohnungssuche

Das Problem der Wohnungssuche für anerkannte Flüchtlinge zeigt immer deutlicher, wie schwierig eine Integration zu erreichen ist. Um aber nicht falsch verstanden zu werden: großer Dank gilt hier z.B. den Wohnungsgesellschaften in Großenhain, Radebeul, Coswig und Meißen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten große Anstrengungen unternommen haben, um Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Auch der eine oder andere private Vermieter hat Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Wie kann es aber sein, dass große Wohnungsgenossenschaften sich bei dem Thema ganz verweigern? Wie kann es sein, dass immer mehr Vermietungsgesellschaften, wenn sie denn überhaupt Flüchtlinge als Mieter anerkennen, sobald Paten in Erscheinung treten, darauf verweisen, dass die garantierte Miete des Jobcenters sowie die Kaution als Sicherheit nicht ausreichen und die Tatsache um sich greift, dass man sehr wohl vermieten (und Geld verdienen) möchte, aber bitte mit einer zusätzlichen Bürgschaft seitens des Paten. Aktuell werden auch Wohnungen vermietet, die ohne die vielen hinzugezogenen Geflüchteten gar nicht vermietbar wären. Hier wäre eine öffentliche politische sowie gesellschaftliche Diskussion an sozialer Beteiligung dringend geboten. Nicht zuletzt stellt es für die Vereine und Initiativen eine große Herausforderung dar, den Kontakt zu den hier angekommenen Menschen zu halten, wenn diese aufgrund der Wohnungssituation in eine ganz andere Kommune oder sogar Landkreis ziehen müssen. Hier werden wir die Nähe zu den Geflüchteten verlieren, wenn es dafür keine Lösungen gibt.

Integration in die deutsche Gesellschaft

Menschen, die aus extrem anderen Kulturen und zum Teil schwer traumatisiert in unsereGesellschaft integriert werden sollen, benötigen besondere Unterstützung. Sprach- und allgemeine Orientierungskurse sind ein Anfang, echte Integration gelingt nur in einem intensiven Austausch im Alltag. Ein Betreuungsschlüssel von einem Sozialarbeiter auf 150 Geflüchtete ist in höchstem Maße unzureichend. Probleme rechtzeitig zu erkennen, verhindert eine spätere Eskalation von Konflikten, die oft nur mit Unkenntnis der Voraussetzungen bei den Geflüchteten beginnen, zu Missverständnissen führen, die dann in größere Auseinandersetzungen münden. Bei dieser zentralen Aufgabe der Integration werden Ehrenamtliche ohne spezielle Schulung quasi allein gelassen. Ausgebildete und bezahlte, zuverlässig verfügbare Ansprechpartner für Geflüchtete könnten das Vertrauen auf beiden Seiten deutlich erhöhen und Frust abbauen bei der oft schwierigen, langwierigen Ausbildungs-, Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Diese direkten Betreuer könnten den Sprach- und Betreuungsbedarf ermitteln, an entsprechende Angebote weiterleiten und damit die Chance auf eine langfristig gelungene Integration deutlich erhöhen. Bereits tätige Sozialarbeiter sollten Schulungen in Kultur und der Erkennung von und dem Umgang mit Traumata erhalten und ihre Zahl deutlich erhöht werden.

Zusammenarbeit auf Kommunaler Ebene

Es gibt Kommunen, die mit uns als Vereinen und Initiativen hervorragend zusammenarbeiten, z.B. Gröditz, Moritzburg, Klipphausen oder Coswig. Es gibt jedoch leider auch ganz andere Beispiele, wo die Leitungsebene die Problematik und Aufgabe nicht als ihre eigene begreift, sondern stets auf die Zuständigkeit und Verantwortung des Landkreises, des Freistaates oder des Bundes verweist. Dieses Denken ist nicht nur kurzsichtig, sondern geradezu fahrlässig den eigenen Bürgern gegenüber. Jede Kommune muss sich mit den Themen vor ihrer Haustür beschäftigen, nicht diese von sich weisen! Sehr geehrte Herren und Damen Bürger- und Oberbürgermeister, Sie werden sich mit diesem Thema in Ihrer Stadt oder Gemeinde beschäftigen müssen und auch Sie werden mit den Menschen ins Gespräch kommen müssen und die Initiative oder den Verein, der sich damit beschäftigt, endlich als vollwertigen Gesprächspartner anerkennen und auf Augenhöhe mit diesen ins Gespräch kommen. Wenn der Kreistag des Landkreises Meißen ein Papier mit dem Titel „Integrationskonzept“ beschließt oder verabschiedet, in dem es nur um eine aktuelle Bestandsaufnahme geht, statt konkrete Handlungsempfehlungen und Grundsätze für die Zukunft zu formulieren, dann ist hier in den vergangenen Monaten Einiges verpasst worden. Den handelnden Akteuren – ob haupt- oder ehrenamtlich – ist nicht mit der Feststellung des Ist-Zustandes geholfen, sondern mit konkreten Handlungsempfehlungen, denen Ziele und Schwerpunkte zugrunde liegen.

Wir stehen Ihnen gern auch weiterhin mit Rat und Tat und vor allem für Gespräche z.B. zum Thema „Best Practice“ zur Verfügung und hoffen und wünschen uns, dass diese Zeilen auch bei Ihnen den einen oder anderen neuen Impuls für die so wichtige Arbeit der Integration von Flüchtlingen in unserem Landkreis erzeugt hat.

Der Begriff Integration ist vom Lateinischen integratio (Erneuerung) abgeleitet und bedeutet in der Soziologie die Ausbildung einer Wertegemeinsamkeit mit einem Einbezug von Gruppierungen, die zunächst oder neuerdings andere Werthaltungen vertreten.Integration hebt den Zustand der Exklusion und der Separation auf. Integration beschreibt einen dynamischen, langen andauernden und sehr differenzierten Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens.

Mit freundlichem Gruß

Lydia Beger – Initiativgruppe Perba
Bill Blatzheim – Buntes Radebeul e.V.
Sven Böttger – Initiative Coswig – Ort der Vielfalt
Robert Keller – Weinböhla HILFT e.V.
Jamal Nasr – Netzwerk Klipphausen
Bernd Oehler – Buntes Meißen e.V.
Grit Saathoff – Vielfalt Moritzburg

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